S, Künstlerin und Aktivistin

Ich lebe in istanbul. Normalerweise bin ich Malerin, aber im Moment verkaufe ich in einem Seconhand-Buchladen Bücher. Ich koche auch Essen in einem anarchistischen Food Kollektiv.

Seit Gezi haben sich viele Dinge verändert. Wir glaubten, das die Türkei ein besserer ort sein könnte. Nach der Gezi Bewegung ist der Druck mehr und mehr geworden. Die Türkei ist jetzt eine Art Polizeistaat, es ist viel gefährlicher als noch vor 5 Jahren – vor allem, wenn du eine Frau bist. Die Leute, die dich nie mochten, haben jetzt den Mut, dir schlimme Dinge anzutun.

Ich lebe in Gazi*, einem kurdisch-alevitischen Viertel. Wenn wir nach Mitternacht rausgehen, kann uns die Polizei zu jeder Zeit ohne einen Grund verhaften. Widerstand hat eine lange und blutige Geschichte in Gazi, die Polizei stuft jeden als Terroristen ein – was ihnen momentan das Recht gibt, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Ich habe von jemandem gehört, der vor zwei Monaten (von ihnen) entführt wurde. Ein paar Tage später hat man seine Leiche gefunden. Er wurde gefoltert. Solche Dinge passieren jetzt oft.

Wenn man dieses Viertel nicht kennt, glaubt man vielleicht, das es ein sehr gefährlicher Ort ist, wegen der illegalen Organisationen und dem ganzen Zeug. Aber die einzige wirkliche Gefahr hier geht von der Polizei und der Regierung aus.

Viele meiner Freunde wollen das Land verlassen. Ich möchte auch reisen, aber ich möchte nicht im Ausland leben. Mir ist bewusst, das in Bezug auf meine persönlichen Träume und Hoffnungen viel Druck auf mir lasten wird. Momentan ändern sich meine Pläne von Tag zu Tag. Aber ich werde hier bleiben. Meine Freunde sind hier – ich bin nicht allein. Was immer sie auch tun: sie können uns nicht stoppen.

Warum so viele Leute Erdoğan gewählt haben? Die Türkei liegt im Mittleren Osten, und besonders solche islamischen Führer und Bewegungen haben die Menschen hier immer angezogen. Und die geografische Nähe zu den Kriegsgebieten setzt die Türkei unter Druck. Das ist der Grund, warum die Türkei dazu neigt, dem Trend zu folgen. Für uns, die wir im westlichen Teil der Türkei auf westliche Weise leben, und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten können, scheint das, was gerade passiert, keinen Sinn zu ergeben. Seit es diese Begeisterung für islamistische Bewegungen gibt, denken die Menschen wegen der Unterdrückung nicht mehr wirklich an sich selbst.

Daher ist es nicht ungewöhnlich für mich, so viele zu sehen, die einem Führer wie Erdoğan folgen. Außerdem denke ich, dass Menschen, die einen Minderwertigkeitskomplex haben, sich über die Errungenschaften ihrer Führer, mit denen sie sich identifizieren, freuen und sich damit zufrieden geben, in diesem Fall mit Erdoğan.

All diese angeblichen Siege, Erdoğans die durch Verfolgung erreicht wurden, spiegeln also eine Situation wider, in der die Menschen nichts wirklich zu erfassen scheinen, sondern sich mit seinen Siegen identifizieren und sich manipulieren lassen.

(*Anmerkung der Autorin: diese Bilder wurden nicht in Gazi gemacht)

Back to english version