Mensch Lan!

„Diese Deutschen, immer gegen die Türkei am Meckern!“ „Hast Du nicht genug eigene Probleme, du Deutschland?“ Oder um es mit den Worten von Halil Ibrahim E. (ein Kommentator des Projektes auf Facebook) zu sagen: „Die deutsche Lügenpresse hat alles getan um das Volk hier im lange irre zu führen!“ Herr E., der bei Facebook angibt, Erdoğans AKP in Köln anzugehören, hat sich sehr viel Mühe gegeben, in dem sozialen Netzwerk mal so richtig seine Meinung zu sagen. Deshalb wird er im weiteren Verlauf dieses kleinen Textes auch noch mehrfach zitiert werden – inklusive der vorgefundenen Rechtschreibung und Zeichensetzung, denn Korrektheit muss sein, du Deutschland!

Um Herrn E. gleich zu Beginn aufzuklären: Dieses Projekt gehört mitnichten in die Kategorie Lügenpresse, das hier ist Kunst. Herrn E. ist das aber wohl leider entgangen, so ein Kommentar unter einem Facebook-Post ist ja auch schnell geschrieben, und nicht jeder von uns bringt die Geduld auf, wirklich zu lesen, was da geschrieben steht. Tatsache ist: Seit dem gescheiterten Putsch im Sommer 2016 befindet sich die Türkei noch immer im Ausnahmezustand − tagtäglich kommt es zu Verhaftungen. Oder um Herrn E. erneut zu zitieren: „Endlich wurde aufgeräumt und der Aufschwung geht trotz alledem weiter.“

Zu denen, die sozusagen „aufgeräumt wurden“, gehören hunderttausende Menschen: Politiker, Journalisten, Lehrer, Beamte, Juristen oder auch Menschen, die sich einfach trauen, in der medialen Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen. Oft reicht schon ein einfacher kritischer Post in den sozialen Medien, um von den Behörden vorgeladen zu werden. Als Künstlerin und vor allem als Mensch stellte ich meinen Kollegen in Istanbul die folgenden Fragen: Wie lebt es sich unter den repressiven Zuständen? Ist es überhaupt noch möglich, kreativ und künstlerisch zu arbeiten? Und überhaupt − wie konnte das alles passieren?

Auf diese Fragen gibt es gefühlt 80 Millionen verschiedene Antworten, so hoch ist nämlich die momentane Einwohnerzahl der Türkei, die sich -Inschallah! – erhöhen wird, sobald jede junge Frau die vom Staatsoberhaupt geforderten drei Kinder gebärt. Da meine Zeit und meine Mittel begrenzt waren, konnte ich leider nur eine Handvoll dieser 80 Millionen befragen. Gerne frage ich noch weiter nach, wenn Sie, Herr E. mir ausreichende Mittel zur Verfügung stellen − und wenn es wieder zu 100 Prozent sicher für mich ist, erneut in die Türkei einzureisen. Tamam?

Und ja, wir haben auch eigene Probleme in Deutschland. Trotzdem interessiert es mich als Deutsche, wie es meinen Freunden in der Türkei geht – denn ihr Wohlergehen ist mir wichtig. Und wenn selbst meine etwas ältere, recht konservative Bekannte erzählt, dass sie die Diskrepanz zwischen dem, was die Regierung berichtet und dem, was in der Realität passiert, stinksauer macht: dann ist die Kacke am Dampfen. Denn die Türkei hat wirtschaftliche Probleme, doch tut die Regierung viel dafür, es so aussehen zu lassen, als sei alles in Butter.

Laut dem türkischem Statistikamt stieg das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal 2017 so kräftig wie seit sechs Jahren nicht mehr*. Für dieses Wachstum sind hauptsächlich die Baubranche und Waffenexporte verantwortlich. Die Türkei wächst, weil sie (wie auch viele andere Länder dieser Welt) Waffen in Krisenregionen liefert und eifrig baut. Istanbul sei für Bauunternehmen inzwischen eine wahre Goldgrube, weiß ein anderer Künstler zu berichten. Als Deutscher zuckt man da schon mal nervös, wenn mitten in der Innenstadt auch nachts um 12 noch gebohrt, geschweißt und zementiert wird. Doch lassen Sie uns nicht vergessen: Die Türkei hat laut Herrn E. „dieses Jahr 30% mehr Touristen als das Jahr vorher aber die Lügenpresse hat alles getan um das Volk hier im lange irre zu führen!“ Puh, zum Glück gibt es arabische Touristen, die Touristikbranche der Türkei ist gerettet!

Lassen Sie mich kurz ein grundlegendes Missverständnis aufklären: „Diese Deutschen“, also Leute wie Sie und ich, die üblicherweise nicht patriotisch und fahnenschwenkend durch die Innenstädte ziehen, „diese Deutschen“ haben gar nichts gegen die Türkei. Die Geschichte hat sie aber gelehrt, dass ein narzisstischer Irrer an der Spitze eines Staates potenziell als gefährlich einzustufen ist. „Diese Deutschen“, hatten übrigens auch mal so Einen. Trotz aller Versäumnisse in Sachen Integration, die sich unser Land in den vergangenen Jahrzehnten geleistet hat: Deutschland ist auch ein Stück Türkei, unser Land ist auch Ramadan, Rosenmarmelade und türkischer Bakkal* an der Ecke. Und „diese Deutschen“ wollen gefälligst ihren Deniz und ihre Meşale in Sicherheit wissen! Gleichzeitig müssen „diese Deutschen“ aber auch erkennen, dass ihre Politiker die Türkei zwar tadeln, jedoch investieren deutsche Großkonzerne wie Siemens, BASF, Bosch und andere dort nach wie vor. Profit scheint immer noch mehr wert zu sein als Menschenwürde, überall auf der Welt.

Was die Lösung für all das ist? Ich kann es Ihnen nicht sagen. Denn dieses Projekt ist nur ein Puzzleteilchen, mein kleiner Beitrag, soll Anstoß sein zum Neudenken. Viele haben meine Entscheidung, für ein solches Projekt in die Türkei zu fahren, mutig genannt. Ich bin es nicht. Meine Künstler-Kollegen, die dort leben, sind die Mutigen. Sie sind keine Opfer, sondern versuchen, in einem menschenfeindlichem Umfeld zu überleben.

Ihnen sollte unsere Unterstützung gelten – also los, fahrt in die Türkei und feiert mit ihnen bis tief in die Nacht, lest ihre Texte, abonniert eine der letzten kritischen Zeitschriften. Fragt die deutsche Regierung, wann sie endlich Ernst macht mit ihren Sanktionen. Und vergesst niemals: In Zeiten wie diesen müssen wir zusammenhalten.

[Alexandra Breitenstein, Dortmund 2017]

* Artikel in der ZEIT Online

** bakkal: türkischer Minimarkt, vergl. Kiosk