L., Künstlerin und Sängerin – deutsch

Während des Putsches war ich auf einer Party in Tarlabaşı und habe eine Menge Gras geraucht. Deshalb haben wir erstmal wie die Irren gelacht, als wir die Neuigkeiten gehört haben – aber innen drin hatten wir wirklich Angst.

Die Türkei hat sich seitdem offensichtlich nicht zum Besseren verändert, die Welt geht den Bach runter; ich denke die Wurzel alles Schlechten, was gerade passiert, liegt darin, dass wird nicht in der Lage sind, selbstlos zu sein. Wir als Individuen, als die kleinste Einheit, sind besessen von uns selber. Wie Tiere sind wir Sklaven unserer grundlegensten Bedürfnisse; Essen, Sex, Familie, Macht, Geld und Wissen. Aber wir sollten uns viel mehr danach sehnen, die Bedeutung unseres Lebens zu erforschen. Wir sind Teil der Natur, und alles existiert mit- und füreinander. Ich denke, dass es ziemlich normal ist, das sich all das in solchen großen Ereignissen manifestiert, wie dem Putsch.

Deshalb konzentriere ich mich gerade eher auf mich selbst., ich möchte herausfinden, was meine schlechten Angewohnheiten sind – und die Veränderung bei mir selber anfangen. Aus diesem Grund interessiere ich mich nicht wirklich für den Putsch, oder überhaupt für Politik. Ich sehe das ‚große Ganze‘ nicht. Denn es besteht aus vielen kleinen Teilen und ich bin eines davon. Ich möchte erst mich selber kennen, denn nur dann werde ich das große Ganze wirklich verstehen.

Aber natürlich komme ich in Berührung damit, auch wenn ich es nicht will. Jemand von den Behörden rief mich an, sie wollten ein Kunstwerk, das das ganze Blut und Erdoğan’s ‚legendären Ruf nach Demokratie‘ darstellt, so einen Scheiß halt. Sie fragten mich, ob ich eine Statue entwerfen könne, weil sie jetzt überall Monumente aufstellen wollen. Sie sagten mir, dass sie die Geschichte neu schreiben, und das sie ihre eigene, unverwechselbare Kunst möchten. Sie gestalten nun ihre eigene Welt, in der wir nach ihrer Pfeife tanzen. Aber das ist schon ok, denn nur, wenn die Kacke am dampfen ist, werden wir etwas verändern. Aber nein – das hat mir keine Angst gemacht, es war mehr schwarzer Humor.

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