G, Musikerin und queere Aktivistin – deutsch

Ich studiere vergleichende Sprachwissenschaften und französische Literatur. Ich hatte bis vor kurzem eine Punkband und arbeite immer noch in anderen Musikprojekten und anderem kreativen Zeug wie Fotografie und Malerei. Nebenher bin ich noch Aktivistin. Während des versuchten Militärputsches war ich in meiner Heimatstadt, zusammen mit meinen Eltern. Wir haben uns das, was in Istanbul passierte, im Fernsehen angeschaut, es war alles sehr seltsam. Ich habe mich sehr grotesk gefühlt, wie in einem abgründigem Roman. Es hat mir Angst gemacht, denn es passierte etwas außerhalb unserer Kontrolle – etwas, das dein Leben nachhaltig beeinflusst.

Das Ganze wird immer noch als coup détat (Staatsstreich) gesehen, die Polizei hat die allergrößte Macht. Sie können dich zum Beispiel auf der Strasse einfach anhalten und nach deinen Papieren oder irgendwas anderem fragen. Also fühlst du dich im Alltag unsicherer. Wenn du irgend etwas machst, was nicht angemessen erscheint, kannst du (von der Polizei, Anmerkung der Übersetzerin) angehalten werden und bekommst Probleme. Dein Leben ist nicht länger mehr dein Leben. Es gibt Ermittlungen gegen Professoren unserer Universität, die an der Unterzeichnung dieses Friedensaufrufes beteiligt waren. Vor ein paar Tagen, als wir das Universitätsgelände betreten haben, haben die Sicherheitskräfte das erste Mal seit Jahren unsere Ausweise kontrolliert. Eins der vielen kleinen Dinge, die dafür sorgen, dass du dich seltsam fühlst und ängstlicher wirst.

Als queerer Mensch stehst du in der Türkei sicher unter mehr Druck als heteronormative Personen. Zum Beispiel in Bezug auf dein Erscheinungsbild: Wenn du rausgehst und nicht so angezogen bis, wie es ’normal‘ ist, kannst du von den Leuten bedrängt werden, was eigentlich nicht so verwunderlich ist, nirgendwo auf der Welt. Je mehr du in den Standard passt, desto seltener passiert dir etwas. Aber weil diese gruseligen Leute immer mehr Macht bekommen, denken sie, dass sie das Recht haben, dir hinterher zu pfeifen, dich anzustarren oder andere entsetzliche Dinge zu tun. Weil sie wissen, dass dir die Polizei vermutlich nicht helfen wird, wenn du zu ihnen gehst und erzählst, dass dich jemand belästigt hat.

 

Natürlich ändert sich die Situation von Gegen zu Gegend. Ich bin vor 2 Jahren in diese Gegend gezogen, weil ich mich hier sicherer fühle. Als ich noch in einer eher konservativen Gegend gewohnt habe, wurde ich oft belästigt. Hier ist mir so etwas noch nie passiert. Aber abgesehen davon hasse ich den Stereotypen über Istanbul als gefährliche Stadt – es gibt keinen absolut sicheren Ort im Moment!

Natürlich hat man hier viele Nachteile, man hat aber auch sehr viele Events und viel Solidarität. Die queere Community ist groß, wenn du weißt wo, kannst du sehr einfach neue Leute kennenlernen. Ich habe meinen Eltern nie erzählt, dass ich mich als queer identifiziere, habe aber meiner Schwester vor 3 Jahren von meiner sexuellen Orientierung erzählt. Ich musste es wenigstens einem Mitglied meiner Familie erzählen, weil ich mich sehr isoliert von ihnen gefühlt habe. Es ist immer noch eine große Sache in der Türkei, die meisten Eltern haben keine Ahnung von diesen Dingen – oder sie ignorieren sie einfach. Ich habe ihnen schone viele Signale gegeben, dass ich nicht heiraten möchte und niemals ein ’normales‘ Leben führen werde. Ich denke in dieser Hinsicht kennen sie mich schon. Ich lebe nicht mit ihnen zusammen, das macht es einfacher.

In den letzten 3 Jahren wurde die Pride Parade (Anmerkung: Christopher Street Day in Deutschland) von der Regierung verboten, also versuchen wir, abseits vom Umzug andere, kleine Aktionen zu realisieren: zum Beispiel die Teile der Straßen in Regenbogenfarben anzumalen, inmitten der ganzen Polizei in Taksim. Aber egal was du auch machst – du musst immer aufpassen und schauen, ob jemand kommt, eure Aktion sollte zum Beispiel nicht zu groß sein, weil dich die Polizei angreifen könnte. Wir haben durch die herrschende Situation viel gelernt, wirklich. Seit dem Referendum haben sich viele neue LGBTI+ -Gruppen formiert, sie organisieren politische Workshops, Lesungen und andere Events. Ich versuche, mich in Bezug auf Aktivismus mehr einzubringen, denn ich hasse es, mich nutzlos zu fühlen. Ich möchte hilfreich für andere und für mich selber sein, nicht nur in meiner eigenen, kleinen Welt leben.

Es ist gerade eine schlechte Zeit für Demonstrationen – du wirst augenblicklich zum Terroristen erklärt. Unsere Aktionen müssen also kleiner und klüger sein. Manchmal hasse ich das alles und möchte nur noch abhauen, aber dann denke ich daran, dass ich lieber bleiben sollte. Nach den Gezi-Protesten hat die LGBTI+ Gemeinschaft tatsächlich etwas mehr Macht gewonnen, weil wir lernen mussten, wie man sich organisiert und sich vereinigt, wenn man überleben will. Das war ein positiver Aspekt neben den ganzen schlechten Dingen, die passiert sind. Letztendlich sind die politischen Führer (der Welt, Anmerkung der Übersetzerin) keine Retter für mich – ich glaube eher an die Macht des Volkes.

 

Back to english version