E., Fotografin – deutsch

Ich mache gerade meinen Master in Fotografie und lebe deshalb seit 2 Jahren in Istanbul. Ich bin in Ankara aufgewachsen. Dort war ich auch während des Putschversuches. Wir haben an der Universität einen Film geschaut. Meine Mutter rief an und bat mich, schnell nach Hause zu kommen. Ich erinnere mich an die Geräusche der Kampfflieger, die Sirenen, die Polizei. Das war ziemlich seltsam, denn diese Gegend ist normalerweise sehr ruhig.

Erdoğan sorgt dafür, dass die Menschen sich mächtig fühlen, wahrscheinlich hat er deshalb so viele Stimmen bekommen. Seit er an der Macht ist, hat sich vieles zum Guten verändert, vor allem für die religiösen und konservativen Menschen. Das mag für sie so in Ordnung sein, aber jetzt versuchen sie auch, den Lebensstil der liberalen Menschen zu verändern.

Er ist ein guter Redner, deshalb mögen ihn so viele Leute. Momentan gibt es zwei Gruppen in der Türkei: Erdogans Leute und alle anderen. Du kannst türkisch, kurdisch, Frau, Mitglied der LGBTI Bewegung oder einfach nur kein Fan von ihm sein – dann gehörst du zu den anderen. Es gibt nur Pro oder Contra, nichts dazwischen. Er sorgt dafür, das sich diese zwei Gruppen leidenschaftlich hassen, man kann es in ihren Augen sehen und in ihren Stimmen hören. Meine Haare sind bunt, also schauen sie mich an, als wäre ich irre. Erdogan versucht, einen neuen weiblichen Stereotypen zu etablieren. Die fügsame Frau studiert nie und bleibt daheim, während sie Kopftuch trägt und sich um ihre drei Kinder kümmert. Aber ich kann so nicht leben. Manche Menschen verehren diesen Stereotyp, oft sind das diejenigen, die besonders viel Geld verdienen.

Als Künstlerin muss ich darauf achten, woran ich arbeite. Unsere Unis haben sich sehr verändert, viele unserer Professoren wurden gefeuert, der Rest ist verängstigt. Ich habe immer an die Freiheit der Kunst gegalubt, aber momentan ist diese Freiheit einfach weg. Ich arbeite gerade an einem Projekt, wo es um die vergessenen Erinnerungen an die Verbrechen an Armeniern, Griechen oder Juden geht. In meiner Universität sagen sie mir: „Das wird allen viele Probleme machen – und man wird deine Arbeit nicht (zur Prüfung, Anmerkung d. Redaktion) zulassen.“ Der Direktor der Universität oder die staatlichen Authoritäten werden mein Master Thema wahrscheinlich nicht akzeptieren. Aber ich ignoriere sie, denn es ist mein Leben. Irgendjemand muss weiter an solchen Themen arbeiten. Wenn ich jetzt damit aufhören würde, hätten sie gewonnen.

In den Kunsthochschulen versuchen sie jetzt, deine Gedanken total zu verändern. Wenn du klassische, islamische Kunst machst, bekommst du keine Probleme, du wärst eher der Held der Schule. Aber Kunst sollte frei sein. Wenn du an Themen wie Geschlechtsidentität, Ethnien oder gar Aktphotographie arbeitest, bekommen sie Angst – und können dich verhaften.

Viele Menschen, die verhaftet werden, arbeiten an journalistischen Themen, wie Demonstrationen oder sozialen Events. Ich bin weder kurdisch, queer oder gehöre zu einer anderen Minderheit – aber ich unterstütze sie, was mich ebenfalls zu einer gefährlichen Person macht. Wenn sie mich ins Gefängnis stecken, wäre das schlecht. Aber unsere Meinung wird sich niemals ändern, sogar wenn sie versuchen werden, die Bewegung nieder zu reissen oder uns gar zu töten.

Ich vertraue den europäischen Regierungen nicht mehr, sie denken niemals an die Menschen, nur an wirtschaftliche Interessen. Ich glaube, sie können unsere Sorgen, unseren Schmerz nicht nachvollziehen. Ich würde am liebsten mal mit einem dieser Politiker reden und ihm zeigen, wie die Situation hier in der Türkei in Wirklichkeit ist.

Ich plane, bald aus der Türkei wegzugehen. Ich würde für mein Land, für meine Leute kämpfen – wenn sie es denn wollten. Ich habe hier ein nettes Leben, aber es ist wie in einem offenen Gefängnis. Du kannst nicht offen über deine Vorstellungen oder gefühle reden, nicht als Künstlerin, nicht als normaler Bürger, nicht mal auf der Straße. Ich muss reisen, um weiter meine Arbeit machen zu können, vielleicht komme ich irgendwann zurück in die Türkei. Aber jetzt gerade fühle ich mich hier weder sicher noch frei.

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